Die Medigene AG ist ein börsennotiertes (Frankfurt: MDG1, Prime Standard, TecDax) Biotechnologie-Unternehmen mit Hauptsitz in Martinsried bei München. Das Unternehmen entwickelt hochinnovative, komplementäre Therapieplattformen zur Behandlung von verschiedenen Krebsarten und -stadien mit Projekten in der klinischen und präklinischen Testung. Medigene konzentriert sich auf die Entwicklung personalisierter, T-Zell-gerichteter Immuntherapien.

Ute Nonnenmacher: Was sind aus Ihrer Sicht die aktuellen Trends in der Life-Science-Branche allgemein? Welche Entwicklungen beobachten Sie speziell in der Biotechnologie Branche?

Prof. Dr. Schendel: Ich sehe in den Immuntherapien schon einen gewaltigen Trend. Sie stellen meiner Ansicht nach einen echten Fortschritt dar, da sie von einer anderen Qualität sind als alle bisherige Ansätze gegen Krebs. Es geht darum, gezielt eine natürliche Reaktion des Immunsystems gegen die Krebserkrankung auszulösen. Mit dieser Therapie werden die Krebszellen nicht mehr direkt angegriffen. Es wird das Immunsystem beeinflusst, das dann in einer natürlichen Reaktion die Krebszellen eliminiert. Damit kann man vermeiden, gesunde Zellen in Mitleidenschaft zu ziehen, was oft starke Nebenwirkungen verursacht. Es war jahrzehntelange Forschungsarbeit nötig, die komplexen Wechselwirkungen des Immunsystems zu verstehen, um gezielte Manipulationsmethoden dafür zu etablieren. In der Forschung waren leistungsfähige Technologien, wie „next generation sequencing“ oder Computer zur Datenanalyse nötig. Auch die Entwicklung neuer Medizinprodukte wie zelluläre Therapien, die unter GMP Bedingungen (Gute Herstellungspraxis, engl. Good Manufacturing Practice) hergestellt werden, haben den Fortschritte in Richtung Immuntherapien möglich gemacht. Automatisierte Systeme beschleunigen jetzt die Entwicklung zellulärer Therapien. Durch die immer schnelleren und günstigeren Sequenzierungstechnologien kommen 100%ig personalisierte Immuntherapien immer mehr in Reichweite. Medigene geht mit seinem Konzept, Immuntherapien gegen Neoantigene zu entwickeln, bereits in diese Richtung.

Ute Nonnenmacher: Wie beurteilen Sie den Wissenschafts- und Forschungsstandort Deutschland? Wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Prof. Dr. Schendel: In der Grundlagenforschung nimmt Deutschland immer noch eine Spitzenposition ein und die Qualität bei der Grundlagenforschung ist hoch. Junge, ehrgeizige Nachwuchswissenschaftler können in Deutschland nach der Ausbildung schnell relativ unabhängig und kreativ forschen. Verschiedenste Fördermöglichkeiten erlauben ihnen auch eine gewisse Mobilität., d.h. sie können über den wissenschaftlichen Tellerrand blicken und ihre Horizonte in Forschungseinrichtungen anderer Länder erweitern. Zurück in Deutschland gibt es bei Firmengründungen auch Hilfsangebote und Fördermöglichkeiten. Technologietransferstellen und -agenturen der staatlichen Forschungseinrichtungen selbst wie z. B. Ascenion für die Helmholtz- und Leibniz-Gemeinschaften, helfen Forschern dabei, Produktideen zu entwickeln und Firmen zu gründen. Zu einem Problem kommt es jedoch in einer späteren Phase: Bei der Umsetzung (Translation) von Forschungsergebnissen in konkrete klinische Anwendungen gäbe es noch viel Verbesserungspotenzial. Über die Schwierigkeiten deutscher Biotechfirmen, an ausreichend Kapital für größere klinische Studien zu kommen wurde vielfach schon an anderer Stelle berichtet. Deswegen wäre es wünschenswert, wenn in Deutschland verstärkt Förderstrukturen etabliert würden, die jungen Biotechfirmen bei der Translation finanziell unter die Arme greifen. Denn diese ist oft mit sehr teuren klinischen Studien verbundenen. Weltweit laufen bereits mehrere hundert klinische Studien mit den neuesten Arten von Immuntherapien, die Hälfte davon in den USA, in Europa nur eine rundes Dutzend und in Deutschland noch gar keine. Dass ein Bedarf an Fördermöglichkeiten besteht, ist eindeutig. Der Konkurrenzkampf um die beschränkten Mittel zur Förderung von translationalen klinischen Studien ist besonders groß. So haben sich die Charité und das Max-Delbrück-Zentrum zusammen mit Medigene gegen über hundert andere Mitbewerbern durchgesetzt, um eine vom BMBF geförderte, erste Studie mit T-Zellrezeptor-modifizierten T-Zellen durchführen zu können. Man sieht daran aber auch, dass die Ideen da sind – aber das Geld und die Strukturen für deren gezielte Förderung fehlen.

Ute Nonnenmacher: Wie wichtig ist es für ein Biotechnologie-Unternehmen vertrauensvolle Beziehungen zu Investoren aufzubauen und zu pflegen?

Prof. Dr. Schendel: Dies ist von existenzieller Wichtigkeit – und beide Partien brauchen einen langen Atem. Zum einen muss eine Firma wie Medigene, die sich auf Immunotherapien hin ausgerichtet hat und damit einen Neustart plant, erst neue Investoren finden, die mit an die Ideen glauben und dafür Geld zu geben bereit sind. Die Akzeptanz für Neustarts ist jedoch in Deutschland nicht besonders ausgeprägt. Da ist die Stimmung in den USA anders und Geldgeber für einen Turnaround oder einen Neustart kann man mit einer guten Idee dort viel einfacher gewinnen.
Bei Medigene wollen wir Investoren auch nicht überreden, sondern überzeugen. Dazu muss man sich aber nicht nur einmal treffen und unsere Geschäftsidee und die zugrundeliegende Wissenschaft erklären, sondern mehrmals. Unsere Wissenschaft ist komplex, das wissen wir. Investoren, die nicht auf Life Sciences spezialisiert sind, haben mitunter Probleme, die Konzepte unserer Immuntherapien auf Anhieb zu verstehen. Aber nach einem ersten Treffen bekommen sie eine erste Idee. Dann informieren sie sich vielleicht selber weiter über das Thema, schauen sich um, was anderen Firmen in dem Feld machen und beim nächsten Treffen können wir den Dialog weiterführen. Wenn sich dabei das Verständnis noch weiter vertieft, werden die Grundlagen für eine bewusste und informierte Investmententscheidung gelegt. Wenn dann die Entscheidung gefallen ist, brauchen die Investoren dann aber auch einen langen Atem. Wir kommunizieren schon von Anfang an die langen Zeitspannen, die für die Entwicklung neuer Therapien nötig sind. Durch einen aktiven, kontinuierlichen Dialog versuchen wir die Investoren „bei der Stange zu halten“ und sie regelmäßig und sachlich über die erzielten Fortschritte (und manchmal auch über Rückschläge) in Kenntnis zu setzen.

Ute Nonnenmacher: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Management Herausforderungen bei Ihrer Tätigkeit als Biotechnologie-Unternehmerin?

Prof. Dr. Schendel: Durch die spezielle Situation, dass unsere Start-up Firma Trianta 2014 in Medigene integriert wurde und Medigene sich dadurch neu aufgestellt hat, war es für mich sehr wichtig, die bereits vorhandenen Mitarbeiter und Ressourcen mitzunehmen und für die neue Medigene gut einzusetzen. Besonders wichtig waren beim Neustart auch die bestehenden Kontakte in die Investoren-Community, um alte und neue Investoren weltweit anzusprechen und über die neue Medigene zu informieren und zu gewinnen. Neues Vertrauen aufzubauen, für einen Restart der Firma, das war für mich und das damalige Managementteam die größte Herausforderung.

Ute Nonnenmacher: Biotech-Start-ups haben es schwer. Unterstützt die Medigene AG junge Startups? Wenn ja, wie? Welche Tipps können Sie anderen Unternehmern oder jungen Gründern geben?

Prof. Dr. Schendel: Ich persönlich betätige mich als Mentorin für zwei Start-up Firmen, um sie bei den typischen Start-up Problemen zu beraten und meine gewonnene Erfahrung weiterzugeben. Darüber hinaus bin ich immer noch als Ideengeberin auf akademischem Level gefragt, eine Funktion, der ich gern nachkomme. Tipps? Ich möchte angehenden Unternehmensgründern lieber sanft warnen, dass eine Unternehmensgründung ein echter 24/7-Job ist und man rund um die Uhr und auch am Wochenende sich dafür einsetzten muss, um Erfolg zu haben.

Ute Nonnenmacher: Gibt es Kooperationen mit Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen?

Prof. Dr. Schendel: Die Immuntherapien von Medigene kommen selbst aus der akademischen Forschung, deswegen bestehen aus dieser Zeit noch intensive Kontakte und teilweise auch Kollaborationen. Zum Beispiel führen wir unsere erste klinische DC-Vakzine Studie mit unserem ehemaligen akademischen Partner am Universitätskrankenhaus Oslo durch. Wir haben auch weitere klinische Erfahrungen für unsere Immuntherapiestudien mit anderen Forschungseinrichtungen gewonnen. Die große Datenbank Expitope, die wir für unsere in silico Recherchen benutzen, entstand zusammen mit dem Lehrstuhl für Genomorientierte Bioinformatik der TU München. Die Erkenntnisse, die wir damit gewinnen sind so wichtig für uns, dass wir sehr an einer Weiterentwicklung des Systems interessiert sind.

Ute Nonnenmacher: Vielen Dank, Frau Prof. Dr. Schendel für das interessante Interview.

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